Frank Rossow

Tiere & Natur

Substrate zur Käferhaltung & Zucht

Wenn heute auch die Nachzucht früher hierzulande als „nicht vermehrbar“ geltender Käferarten problemlos gelingt, ist dies in erster Linie dem Wissen um die dafür nötigen Substrate zu verdanken. Eine Einführung in die Welt von Laubwaldhumus, weißfaulem Holz, Flake Soil, Kinshi & Co.

Käfer durchlaufen eine komplette Metamorphose. Dies bedeutet, dass sich das Larvenstadium (Engerling) gänzlich vom Erwachsenenstadium, dem Imaginalstadium, unterscheidet. Die drei in der Käferhaltung wichtigsten Familien, Rosen-, Riesen- und Hirschkäfer, benötigen alle genau drei Larvenstadien. In jedem davon versucht die Larve, möglichst viel zu fressen, um rasch zu wachsen, eine stattliche Endgröße zu erreichen und Reserven anzulegen.

Das bedeutet für den Züchter: Nur durch die Versorgung der Larven mit optimalen Substraten und den richtigen Zusätzen (Additiven) lassen sich stattliche, gesunde Imagines erhalten. Die „fertigen“ Käfer selbst wachsen nicht mehr – sie leben nur noch für die Fortpflanzung.

Das Ziel vieler asiatischen Züchter, immer größere und kräftigere Exemplare zu erzielen, und ihre mehr oder minder belächelten Anstrengungen nach dem „Käfer mit größten Horn“ finden sich zunehmend auch in den europäischen Idealen der Käferzucht wieder. So steht hierzulande mittlerweile ebenfalls beispielsweise die imposante Erscheinung eines 15 cm großen Riesenkäfers Dynastes hercules hercules mit seinem überlangen Horn hoch im Kurs.

Große Hörner und Geweihe sind das Zuchtziel

Chalcosoma caucasus

Chalcosoma caucasus

Die richtigen Substrate bringen den Erfolg

Und beim Kauf von Hirschkäfern wird gerne darauf geachtet, wie groß bei den Männchen das Geweih und auch der Körper an sich ausgebildet sind. Weniger gut gepflegte Larven bilden als Imago darüber hinaus auch weniger „Ecken und Kanten“ im Geweih aus als ein perfektes, groß gewachsenes Tier. Somit ist es mittlerweile auch in Deutschland Ziel eines jeden Züchters geworden, bestimmte Maße und Größen in der Zucht zu erreichen oder natürlich besser zu übertreffen.

Dies gelingt mithilfe speziell ausgewählter und genau abgestimmter Substrate, die oft exotisch klingende Namen wie Kinshi oder Flake Soil tragen. Auch bestimmte, von Pilzen durchwachsene Holzstämme spielen bei der erfolgreichen Käferzucht eine entscheidende Rolle. Wer sich intensiver mit der Vermehrung von Käfern befasst, wird somit schnell auch zu einem Experten für Pilze, Fermentation und der Zersetzung von Holz.

Ohne in die Tiefe dieser Vorgänge einzusteigen, gilt bei der Käferzucht dennoch ein genereller und auch entscheidender Grundsatz. Um welches Substrat es sich auch handelt, das Lignin, d. h. die eigentliche Stützstruktur des Holzes oder Laubs, muss durch Pilze (hier Weißfäule erzeugende Pilze), Fermentation oder natürliche Kompostierung bereits weitestgehend abgebaut worden sein.

Andernfalls ist das Substrat für Käferlarven nicht zu verwerten, sie würden darin schlichtweg verhungern.

Die Larven von Rosen-, Riesen- und Hirschkäfern benötigen als Energiequelle für ihr Wachstum also den Zelluloseanteil in Holz oder Laub.

Genau hier kommen nun Spezialsubstrate wie Flake Soil und Kinshi ins Spiel. In Japan, Taiwan und Korea gibt es einen für uns kaum vorstellbaren, riesigen „Käfer-Markt“ für Zubehör, Futter, Einrichtungsgegenstände und eben auch für in Fabriken hergestellte Substrate. In jeder größeren Stadt gibt es eigene Käfershops, die sich nur auf Produkte rund um Käferhaltung und perfekte Larvenaufzucht spezialisiert haben.

Die Idee bei der Auswahl des optimalen Substrates liegt darin, der Larve einen möglichst hohen Anteil an verwertbarer Zellulose anzubieten, um ihr ein schnelles Wachstum zu ermöglichen. Gleichzeitig muss wie gesagt das im Substrat vorhandene Lignin weitestgehend abgebaut worden sein.

Laubwaldhumus (LWH)

Laubwaldhumus besteht aus der oberen Deckschicht des Waldbodens mit der darunter befindlichen, noch nicht komplett zersetzten Substratschicht. In günstigen Lagen kann diese Schicht gut 15–20 cm stark sein, in den meisten heutzutage sehr aufgeräumten Wäldern findet sich aber nur eine wenige Millimeter hohe Schicht, die das Absammeln deutlich mühseliger und langwieriger werden lässt.
Laubwaldhumus sollte homogen zerkleinert werden, ehe es als Substrat eingesetzt wird. Dies kann man mit einem handelsüblichen Laubsauger bewerkstelligen. Die professionellere Methode besteht jedoch im Einsatz großer Häcksler.
Laubwaldhumus ist die ideale Einstreu für die meisten Rosenkäfer und einige wenige Riesenkäfer, beispielsweise Xylotrupes gideon sumatrensis und Trypoxylus dichotoma. Je nach Wertigkeit der Einstreu sollte noch ein Anteil an weißfaulem Holz beigemengt werden.

Weißfaules Holz (WFH)

Japaner geben im Schnitt viel Geld für hochqualitative Lebensmittel aus, man denke nur an Kobe-Rind oder auch an Preise für den Blauflossen-Tun – wesentlich mehr jedenfalls als die meisten Menschen in Europa oder dem Rest der Welt. Aus diesem Grund aber können in Japan unzählige Farmen existieren, die die kostspielige, weil wenig ergiebige, aber äußerst hochwertige Methode der Pilzzucht auf Baumstämmen praktizieren.
In Deutschland wird im Vergleich dazu der beliebte Champignon auf Strohhäcksel gezogen, das mit Hühner- oder Pferdekot versetzt ist. Damit zielt man auf rasches Wachstum ab und somit darauf, die Pilze möglichst schnell ernten zu können. Die Fruchtkörper – das, was wir gemeinhin als Pilz bezeichnen – sind dabei aber meist noch gar nicht komplett durchgereift, und der Nährstoffgehalt ist nicht vergleichbar mit auf Holzstämmen gezogenen Pilzen.

Der auch bei uns in Mode gekommene Shiitake-Pilz (Lentinula edodes) sowie verschiedene Pleurotes-Arten werden in Japan ebenfalls sehr gerne auf Baumstämmen kultiviert. Diese können mehrere Jahre lang abgeerntet werden, bis nach ca. 5–7 Jahren das Holz so stark vom Pilzmyzel zersetzt ist und die Ligninstruktur soweit ab gebaut wurde, dass es nun weiß erscheint – der ideale Zustand für die erfolgreiche Zucht von Hirsch- und Riesenkäfern!
Weitere kultivierte Pilzarten sind u. a. der Reishi (Ganoderma lucidum), auch als Heilpilz oder Glänzender Lackporling bekannt, oder der Igelstachelbart, besser geläufig aus der französischen Küche als Pom-pom blanc (Hericium erinaceus). Sie alle eignen sich in Form von Kinshi oder auf Holzstücken gezogen für Käferhaltung und -zucht. Ganze Holzstücke werden für viele Hirschkäferarten benötigt, denn bei ihnen handelt sich oft um Stammleger, z. B. bei Phalacrognathus muelleri und Prosopocoilus astacoides blanchardi: Das Weibchen bohrt ein Loch in den Stamm und legt sein Ei hinein. Das Loch wird anschließend wieder aufgefüllt und verschlossen. Fehlt bei solchen Arten also ein festes Stück WFH, wird es kaum zur Vermehrung kommen. Gehäckseltes WFH wird für die Larvenaufzucht benötigt, es ist homogener und kann leichter von Larven der Riesen- und Hirschkäfer aufgenommen werden. Auch bei Larven einiger Rosenkäferarten empfiehlt es sich, ca. 20 % WFH unter den Laubwaldhumus zu mischen, nicht nur wegen der Ernährung: Das Mikroklima wird dadurch ebenfalls verbessert

Kinshi

Für Nahrungsspezialisten, z. B. Käferlarven, die nur weißfaules Holz verwerten können, sollte der Anteil des lebenden Pilzmyzels möglichst hoch ausfallen, denn es liefert ihnen einen hohen Anteil Proteine und Mineralstoffe. Kinshi erfüllt genau diese Voraussetzung, denn es weist einen bis zu 40 Mal höheren Anteil an Pilzmyzel auf als natürliches weißfaules Holz. Als Kinshi wird Japan Gemisch aus Holzspänen mit einem hohen Prozentsatz Pilzmyzel bezeichnet – verkauft wird das Ganze in Flaschen oder großen Beuteln. Die Herstellung dieses Gemisches läuft unter Laborbedingungen ab. Zuerst werden Holzschnitzel bzw. -mehle von verschiedenen Laubbäumen wie Buche, Eiche, Erle, Pappel etc. autoklaviert (sterilisiert).

Substrate2

links frisches Kinshi – Rechts: Grabgänge der Larven

Danach kommen die Schnipsel in einen Autoklavenbeutel (meist mit 4–5 l Volumen), der eine leichte Zufuhr von Sauerstoff gewährleisten muss. Im nächsten Schritt wird dieser Reinmix mit Pilzsporen beimpft und oft mehrere Monate zum Durchwachsen des Pilzmyzels in Bruträume überführt, die die idealen Temperatur- und Feuchtigkeitsparameter bieten.
Meist kennen wir diese Pilze aus der Speisepilzzucht, denn es sind oft Pleurotes Arten, wie die bei uns bekannten Seitlinge, z. B. Kräuterseitling, Austernseitling usw.
Kinshi wird hauptsächlich für Hirschkäfer verwendet. Einige Unterarten wie Prosopocoilus giraffa giraffa oder auch Dorcus titanus titanus schlüpfen als Imagines mit enormen Größen, wenn die Larven auf Kinshi gezogen wurden.

Flake Soil

Mit der Fermentation von möglichst fein gemahlenem oder gehäckseltem Holz wird ein beschleunigter Abbau des Lignins provoziert, ohne jedoch die Zellulose zu sehr zu verbrauchen. Dieser Vorgang würde in der Natur oft mehrere Jahre andauern. Unter künstlicher Fermentierung reichen jedoch meist 4–6 Wochen. Für die meisten Arten großer Rosenkäfer (und übrigens auch Tausendfüßler!) bietet das so entstandene Flake Soil ideale Wachstumsbedingungen, damit sich massige, kräftige Tiere entwickeln können.
Bei Hirschkäfern und Riesenkäfern schafft die Vereinzelung der Larven in Flake Soil ebenfalls ideale Bedingungen und reduziert zudem den Pflegeaufwand deutlich. Flake Soil stellt mittlerweile bei vielen Arten die modernste Methode der Wahl dar, um große und fitte Imagines zu erhalten. Auch ansonsten eher als schwierig zu züchtende Arten wie Goliathus goliatus kann man unter Verwendung von Flake Soil erfolgreich nachziehen.

Black Soil

Kinshi oder auch Flake Soil kann man nochmals fermentieren. Dabei bildet das sogenannte Black Soil, das beispielsweise für Larven von Dynastes und Megasoma hervorragend als Substrat geeignet ist.

Additive

Bei den Additiven, also Zusatzstoffen, die in das jeweilige Substrat gemischt werden, geht es in erster Linie darum, den Larven einen höheren Protein- und Fettanteil zur Verfügung zu stellen. So können sie schneller an Gewicht zunehmen und haben zudem mehr Reserven, um später als möglichst stattlicher Käfer zu schlüpfen. Als ideal für diesen Zweck haben sich gemahlene Seidenraupenpuppen,  aber auch Gammarus (Bachflohkrebse) und getrockente Shrimps erwiesen. Bei Goliathus geben wir auch genre noch getrocknete Apfelstücke (vorher einweichen) als zusätzliche „süße“ Energieversorgung hinzu.

Bachflohkrebse

Gammarus